Newsletter 03/2017

Das Potenzial eines Gesundheitsnetzwerks - Heike Thielmann (AOK Nordost) im Kurzinterview

Was ist das Gesundheitsnetzwerk der AOK Nordost?

Die AOK Nordost will zukünftig gemeinsam mit Ärzten, Krankenhäusern und anderen medizinischen Einrichtungen neue Wege in der E-Health-Versorgung beschreiten: In einem gemeinsamen digitalen Gesundheitsnetzwerk wollen die Beteiligten die Vernetzungspotenziale digitaler Anwendungen sektorenübergreifend nutzen, um die Gesundheitsversorgung durch einen besseren Informationsfluss zwischen möglichst allen Akteuren im Gesundheitswesen zu optimieren. Der Patient steht hierbei im Mittelpunkt und erhält erstmalig souveränen Zugriff auf seine eigenen Gesundheitsinformationen. Der Patient entscheidet selbst, welche Informationen er anlassbezogen in welchem Zusammenhang freigibt. Datenschutz steht in diesem Projekt über allem anderen. Und da lassen wir auch nicht mit uns reden.

Welche Defizite, die in der aktuellen Versorgung bestehen, werden damit aufgegriffen und welche Vorteile verspricht sich die AOK Nordost mit diesem Projekt?

Versicherte der AOK Nordost sollen in naher Zukunft eigenständig über ihre Medikationen, Untersuchungsergebnisse und andere Gesundheitsinformationen verfügen können. Ihren behandelnden Ärzten und Therapeuten können sie im Bedarfsfall einen schnellen Einblick in ihre persönliche digitale Gesundheitsakte gewähren. Den Medizinern im ambulanten und stationären Bereich werden so möglichst vollumfängliche Informationen und Dokumentationen für ihre Entscheidungen geboten. Sie können auf Befundinformationen zugreifen, die sich in unterschiedlichen Systemen und Organisationen bzw. an verschiedenen Standorten befinden. Das Gesundheitsnetzwerk bietet so ein technisches Rückgrat, an den unterschiedliche medizinische Primärsysteme im ambulanten sowie stationären Sektor angebunden werden können, wie zum Beispiel diverse Krankenhaus- und Arztinformationssysteme in verschiedenen Institutionen im Gesundheitswesen.

Welche technischen Standards finden hierbei Beachtung?

Technisch wird das Gesundheitsnetzwerk herstellerneutral an der internationalen Methodik IHE (Integrating the Healthcare Enterprise) ausgerichtet. IHE ist eine weit verbreitete technische Basis für die Vernetzung von Behandlungsinformationen zwischen Ärzten, Krankenhäusern und weiteren an der Behandlung Beteiligten und bildet somit auch die Basis für elektronische Patientenakten. Die Besonderheit liegt hier im Zugriffs- und Berechtigungskonzept. Nachdem Informationen vom Mediziner dokumentiert und zur Freigabe ausgewählt wurden, wird lediglich ein Verweis auf die verfügbare Information erstellt und dem Patienten zur Verfügung gestellt. So bleibt jeder Beteiligte Herr seiner eigenen erfassten Informationen und es wird keine zentrale Angriffsfläche für Datendiebstahl geboten. Der Patient kann diese Information aufrufen und für andere medizinische Einrichtungen zur Einsicht frei geben. Dieser Standard wird beispielsweise schon in der Schweiz, Österreich oder in den USA verwendet. Die konsequente Orientierung an den Standards in Prozessen und Technologie ist zudem notwendig, um so eine größtmögliche Interoperabilität von Systemen und Organisationen zu ermöglichen und auch zukünftige Entwicklungen zu berücksichtigen.

Wo sehen Sie bisher noch die größten Herausforderungen, wenn es um die Umsetzung geht?

Im Vordergrund steht für die Partner nun die gemeinsame Arbeit an konkreten Modellen. Hierzu werden derzeit in einem ersten Schritt praktische Anwendungsfälle identifiziert, die sowohl einem Indikations- als auch regionalen Ansatz folgen werden. Es liegt somit nahe, dass die Praktiker des Versorgungsgeschehens aus ihren Rollen und ihrer Entwicklungsperspektive heraus aktiv Strukturen gestalten. So wird es möglich, neue Ansätze zu entwickeln, zu integrieren und Patienten entsprechend modern zu behandeln.

Hinter all dem steht natürlich auch der Blickwinkel, bestehende Ineffizienzen auszuräumen und qualitativ kritische Pfade zu verlassen. Ressourcen-Ineffizienzen können anhand konkreter Umsetzung angegangen und Lösungen gemeinsam entwickelt werden. Prozesse können durch schlankere und automatisierte Aufstellung auch Sektorengrenzen überschreitend neu gestaltet werden. Auf lange Sicht gehen somit ein Ausbau der Qualität und eine Kostenreduzierung für Verwaltungs- und Organisationsaufwendungen Hand in Hand. Vor allem aber sollen die Patienten von kürzeren, zielgenaueren und besser abgestimmten Behandlungspfaden profitieren. Gleichzeitig können die Versorgungsaufwendungen und der Ressourceneinsatz reduziert werden. Und dabei blicken wir in die Zukunft: Sobald die zentrale Telematikinfrastruktur der gematik sicher und stabil funktioniert, soll und kann das Gesundheitsnetzwerk dort integriert werden. Alle Partner wollen dabei unnötige Doppelstrukturen vermeiden.

Zur Person

Heike Thielmann

Foto: M. Kirsten

Heike Thielmann

AOK Nordost - Die Gesundheitskasse

Leiterin der Stabsstelle Revision und Datenschutzbeauftragte